Kate Berridge: Madame Tussaud

Die Biografie über die Gründerin des Wachsfigurenkabinetts in London

23.03.2009 Angelika Basdorf

Die Journalistin Kate Berridge zeichnet anhand der widersprüchlichen Biografie der Madame Tussaud ein Sittengemälde ihrer Zeit.

Anna Maria Grosholtz, weltbekannt unten dem Namen Madame Tussaud, wurde 1760 in Bern geboren. Oder in Straßburg. So verwischen sich Dichtung und Wahrheit über diese Person, die trotz ihres öffentlich geführten Lebens vielleicht niemand wirklich kannte, schon im Säuglingsalter. Kate Berridge hat sich auf Spurensuche begeben und eine Biografie vorgelegt, die alle Möglichkeiten des Tussaudschen Lebenslaufs in Betracht zieht.

Erste Erfahrungen in der Pariser Spaßgesellschaft

Um den Werdegang der Halbwaisen besser zu verstehen, zeichnet die Autorin ein Sittengemälde des Paris am Vorabend der Französischen Revolution. Es ist eine Spaßgesellschaft, in der die Wachsfiguren von Maries Onkel – oder ist er nur der Arbeitgeber ihrer Mutter? – gut ankommen. In Philippe Curtius’ Salon de Cire im Palais Royal gehen berühmte Zeitgenossen ein und aus, entweder um sich an den plastischen Darstellungen von (weiblichen) Körpern zu ergötzen oder um selbst in die Reihe der unsterblichen Wachsfiguren Eingang zu finden. Voltaire und Rousseau sollen bei Curtius ebenso zu Gast gewesen sein wie der Adel. „Damals wie heute waren die Leute darauf versessen, sich den einflussreichsten Persönlichkeiten der Zeit zu nähern“ und zahlten zwölf Sous dafür. So nahm Curtius bis zu 300 Franc pro Tag ein und gehörte dadurch ebenso zu den Wohlhabenden wie Friseure, Putzmacher, Modeschöpfer und Parfumeure, die die Bedürfnisse der Bourgeoisie genau trafen.

Madame Tussaud am Hofe des Königs in Versailles?

Berridge beschreibt Tussaud schon zu dieser Zeit als Marketingtalent, das seine Begabung des Wachsformens und sein Gespür für Mode zu vermarkten lernt. Ins Reich der Fantasie verweist die Biografin Tussauds Erzählungen über ihre Zeit am Hofe von König Ludwig XVI in Versailles. Aber gerade diese Geschichten, die die Künstlerin bis ins hohe Alter gerne zum Besten gab, trugen zur Legendenbildung bei.

Traumatisches Erlebnis: Die Französische Revolution

Auf welcher Seite stand sie während der Revolution? Sie selbst hat sich Zeit ihres Lebens als Opfer dargestellt, das beim ersten abgetrennten Kopf, den sie modellieren musste „von den gemeinen Mördern ... gezwungen war, starr vor Grauen, einen Abguss ... zu nehmen“. Dieses mit Sicherheit traumatische Erlebnis weiß die Geschäftsfrau aber später in England gut zu vermarkten. „Damit stieg“, so Berridge, „natürlich die Faszination anderer Exponate aus der Revolutionszeit.“

Die privaten Turbulenzen rissen für Marie nach der Revolution ebenso wenig ab wie die politischen. Immerhin heiratete sie François Tussaud und wurde Mutter, erstmals im Alter von 34 Jahren, „zur damaligen Zeit eher das durchschnittliche Todesalter als das einer ersten Mutterschaft“. Der spielsüchtige und schwache Ehemann ist oft in Sachen Wachsfiguren auf Reisen und bleibt in Tussauds Lebensbeschreibung eine Randfigur. So resultiert der Geschäftsstart in England eher aus einer Flucht vor dem unbefriedigenden Alltag als aus unternehmerischer Weitsicht heraus.

Auch die Widrigkeiten und den schließlichen Erfolg als kommerziale Künstlerin beschreibt die Autorin vor einem gut recherchierten zeitgeschichtlichen Hintergrund. Und obwohl die Biografin nie die Distanz zu der Portraitierten aufgibt, durchzieht ihr Buch ein wohlwollendes Verständnis für eine Frau, die in ihrer Lebensführung der Zeit weit voraus war.

Kate Berridge: Madame Tussaud. Biografie, Osburg-Verlag, Berlin 2009, Gebunden, 368 Seiten, 22,90 Euro.

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